Union Youth - 17.02.2003 Hamburger Docks

 
35 Euro! Fünfunddreißig!! Das wollten die Veranstalter für einen Auftritt von Zwan von einem Zuschauer verlangen. Die Smashing Pumpkins (Billy Corgan und Jimmy Chamberlain sind jetzt bei Zwan) konnte ich leider aufgrund erziehungstechnischer Maßnahmen und später aufgrund akuter Geldmangel niemals mir anschauen und die hatten beim letzten Konzert auch 70 DM gekostet. Große Frechheit aber aufgrund dieses Status der Band nicht völlig unberechtigt. Und nun kostete dieses Konzert eines Newcomers mit bekannten Namen das selbe. Drum beschloss ich schweren Herzens, mir diesen Auftritt wohl entgehen lassen zu müssen.
Aber am Nachmittag bevor sie abends in Hamburg auftreten wollten las ich zufällig im Internet, dass eine mir recht bekannte Band sie supportet, Union Youth. Also schnell jemand spontanen angerufen und hin. Obwohl wohl schon ausverkauft war kam ich glücklicherweise rein und dies sogar günstig. Das Docks ist ein komischer Ort. Am Eingang wird einem alles weggenommen, bis auf den Rucksack selbst und raus kommt man dann auch nicht mehr, da es keine Stempel gibt und die Eintrittskarte ihre Gültigkeit verliert. Getränke kosten ein halbes Vermögen und schmecken scheiße. Die Bühne ist durch einen zwei Meter breiten Graben von den Zuschauern getrennt. Oben wird man mit der Begründung runtergeschickt, dass dort zugemacht wird und 10 Minuten später ist es dort proppenvoll. Die Heizungen am Rand rauben einem Luft und Verstand. Der Sound geht so. Wer dort nicht unbedingt hin muss sollte es lassen.
Nun ja, schließlich fingen Union Youth an zu spielen und alles war gut. Von Anfang an rissen sie mich und eine nicht unbedeutend geringe Zahl an Zuschauern mit ihrer gewohnt brachialen Intensität mit. Es wurde gerockt, was das Zeug hält. Maze gab mehr als je zuvor. Ich weiß nicht, wo dieser Kerl seine Stimmbänder her hat. Bis auf zwei, drei kurze Ausnahmen war er konstant am brüllen. Sehr angenehm und durch heute absolut überzeugende Mitstreiter war das alles sehr überzeugend. Und diese Jungs müssen auf große Bühnen! Zum zweiten Mal sah ich sie jetzt von etwas weiter weg und hoch erhoben, mit vernünftigem Licht und okayem Sound. Und dort sind sie noch viel besser als in kleinen Kellern. Die Musik passt einfach dazu.
Runde 40 Minuten lang hatten sie sichtlich ihren Spaß und man konnte sogar vereinzelt Ansagen vernehmen. Und zum ersten Mal seit dem ich die CD kenne wurde „Planet Of Pity“ gespielt, was sicherlich kein Fehler war. Ich gehe davon aus, dass niemand den Eintritt für die Vorband bezahlt hat, aber einige gingen bei einem solchen „Hit“ ganz besonders ab, was zeigt, dass ein beachtlicher Teil des Publikums mit dem Namen Union Youth etwas anfangen konnte. Beim finalen „Everything Too Short“ war die Band dann so überzeugend wie noch nicht oft. Ich genoss das ganze sehr und wartete auf den absoluten Höhepunkt, als sogar so ein verdammter Stagediver mir unerwartet von hinten auf den Kopf fiel. Vorne war es natürlich etwas dünner und so hatte er reichlich Probleme oben zu bleiben. Als das erledigt war war das Konzert dann auch schon fast vorbei. Noch ein bisschen was umgeschmissen und die Band verschwand bejubelt hinter der Bühne. Schien doch gut angekommen zu sein.
Die Umbauzeit dauerte ziemlich lange und meine Vorfreude auf Billy „Gott“ Corgan steigerte sich in ungeahnte Dimensionen. Und schließlich fing die Menge an zu brüllen und der zweitbeste lebende Songwriter der Welt kam freudig lächelnd zum Vorschein. Und schließlich noch der zweitbeste Schlagzeuger hintendrein. Und dann noch eine hübsche Bassistin und zwei weitere Gitarristen, allesamt mal in mehr oder weniger bekannten Bands tätig gewesen. Der Verantwortliche für die beste Rockband der 90er nach Nirvana stand dort oben und ich konnte es kaum glauben. Ein Gefühl wie der erste große Festivalbesuch mit aus Funk und Fernsehen bekannten Musikergrößen. Und sie fingen an zu spielen und ich war so dermaßen glücklich. Die schönste Glatze der Welt ist, aus der nähe betrachtet, doch schon etwas gealtert und hat sich sogar ein Bärtchen stehen lassen. Das bemerke ich zuerst. Und nach 5 minütigem Geplänkel stelle ich fest, dass das dort oben allesamt verdammt talentierte und ganz besonders professionelle Musiker sind. Der Gitarrist ganz rechts mit dem Kitschgesicht spielt absolut stillstehend konzentriert sein Instrument während der andere ein bisschen mehr wie ein Rockstar wirkt und scheinbar auch wirklich gut ist. Die Bassistin ist sicher auch alles andere als schlecht, ich finde sie aber von Anfang an unsympathisch. Sie rennt dauernd zu den anderen Musikern um zu zeigen, dass sie alle die dicksten Freunde sind und nichts lieber tun, als sich gegenüberstehend umzujammen. Nach 10 Versuchen in 10 Minuten nervt das und ihre dauernd penetrant zur Schau gestellten weißen Zahnreihen, die aussagen sollen, dass sie gerade den größt möglichen vorstellbaren Spaß hat stoßen mich auch schnell ab. Jimmy S. am Schlagzeug prügelt was das zeug hält und schafft es ein gleichberechtigt spielendes Instrument aus den Drums zu machen. Und der überzeugendste lebende Rockstar der Welt ist an der Gitarre besser als ich jemals gedacht hätte. Ich habe noch nie einen so gut spielenden Gitarristen live gesehen.
Ansonsten kann ich leider keinen wirklichen Unterschied zu den guten alten Smashing Pumpkins feststellen. Zu großen Teilen straighte Rocksongs, hin und wieder auch zuckersüßen perfekten Pop, zu dem die Bassistin dann selbstverständlich eine Elektrogeige auspackt und der Gitarrist der einfach wie Pop aussieht sich ans Keyboard setzt. Finde ich aber nicht weiter schlimm, denn wer möchte nicht gerne die Wiedergeburt einer solch wahnsinnig guten Band sein? Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Band jetzt eine Menge Spaß beim Jammen zu haben scheint. Ich kenne die CD nicht, aber dort befinden sich sicher nicht zwei 15 bis 20 Minuten lange Rockfetzen. Diese rocken so dermaßen eingängig direkt ins Ohr, dass es eine Wonne ist und dazwischen wird gegnidelt, wie ich es in solch einer Perfektion noch nie gehört habe. Nach einer guten Stunde und völlig ausgelassener Stimmung von vorne bis ganz hinten verabschiedet sich die Band, aber es ist klar, dass es dies noch nicht gewesen sein kann. Sie lassen sich lange bitten bis sie wieder erscheinen und dann geht es noch einmal so richtig los. Zwei Songs (oder drei?) folgen und die Musiker machen alles richtig. Wie kann man nur so dermaßen professionell sein? So selbstbewusst wissen, was man kann, was man hat und was das Publikum will? Fünf Leute auf dieser Bühne, die einfach nur wissen wie das läuft mit der Rockmusik. Der letzte Knaller wird noch mal gehörig in die Länge gezogen und schließlich ist ohne übertriebenes Endzeitfinale Schluss. Die Band, die glaubwürdig gezeigt hatte, dass sie einen Heidenspaß hatten verschwanden nach und nach. Nur der gute Billy ließ sich noch so richtig feiern, schüttelte Hände und ließ sich abklatschen und genoss den Trubel im Zuschauerraum. Wenn das auch nur irgendeiner ungestraft tun darf, dann ist es diese Person. Schlussendlich verließ auch er die völlig begeisterten, allesamt jubelnden Zuschauer und ich wusste, dass dies wahrscheinlich schon das Konzertereignis des Jahres war. Wer soll das denn noch toppen? Das war eins der besten Konzerte, die ich je gesehen habe! Und keine Band, die nicht schon mindestens 10 Jahre im Geschäft ist, egal wie talentiert sie ist, kann so energetisch, überzeugend, mitreißend und professionell rocken, wie diese 5 Musiker es geschafft haben. Sorry, Union Youth!
 
Der Bericht wurde verfasst von Mick [0] 

 


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