"Amerika erobern wir später"

Union Youth werden derzeit als die Nachfolger von Nirvana gehandelt. Post-Grunge also? Vielleicht. Kritiker und Fans zeigen sich jedenfalls gleichermaßen begeistert von der Truppe die just ihr Debut-Album „The Royal Gene“ via Eastwest herausbrachte. Es gehört schon eine Menge Mut, Selbstbewussttsein und verdammter Attitude dazu, Fred Durst und Rick Rubin den Stinkefinger zu zeigen und das verlockende Angebot, in den USA bei einem Major wie Geffen Records zu unterschreiben, abzulehnen. Amerika wollen sie aber erst später erobern. Kompromisse? Das Wort kennen die vier aus Bad Bentheim (an der holländischen Grenze) nicht. Sie wollen einfach nur rocken. Emrah Kilic wollte alles wissen und zog die Jungs im Vorfeld ihres Auftrits in der Göttinger Outpost vor das Mikrofon. Sänger Matze und Drummer Bowy standen Rede und Antwort.
Aufnahme läuft!



Wie lief die Jack Daniels-Tour bisher? Heute ist ja der letzte der insgesamt fünf Gigs.

Bowy: Gluecifer sind sehr cool und es macht einfach Spass. Man ist auf einer Jack Daniels-Tour, also relativ oft besoffen. Und das ist ja eigentlich gut. Da kriegt man halt so Flaschen. Manchmal.

Wie waren die Reaktionen des Publikums?

Bowy: Verschieden. Kam auf die Stadt und die Uhrzeit an. In Bremen z.B. mussten wir auf die Bühne, wenn man normalerweise noch „Verbotene Liebe“ guckt. Um 19 Uhr gehen die Leute doch nicht auf ein Konzert!

Wie sieht es nach dieser Tour mit Live-Auftritten aus?

Bowy: Mit Ikara Colt haben wir noch zwei Gigs und im Januar spielen wir dann mit den Beatsteaks.

Mit welcher Band würdet ihr gerne mal auf Tour gehen?

Bowy: Wir hatten das Glück, schonmal mit einer sehr, sehr guten Band auf Tour gehen zu können. Das war mit McLusky. Das ist für uns eine super Band gewesen. Die sind richtig geil.

Mal zu Eurem Debut-Album. Also ich war ja schon überrascht, dass im Jahre 2002 noch so eine CD rauskommt - im positiven Sinne! Es sind keine modernen Elemente zu hören. Ich schätze mal beabsichtigt.

Bowy: Ich glaube nicht, dass es beabsichtigt war. Wir haben einfach Musik gemacht und sind wohl durch Sachen beeinflusst, die jetzt schon zehn, 20 oder 30 Jahre alt sind, als wir noch gar nicht herumgelaufen sind. Von moderner Musik bin ich fast gar nicht beeinflusst. Das meiste finde ich scheisse! Und deswegen klingen wir auch nicht so.  

Matze: Wir sind alle große Fans von Steve Albini. Sein Sound passt auch gut zu unserer Musik. Es soll halt rauh sein. 

Überraschend, dass euch mit Eastwest-Records ein Major unter Vertrag genommen hat. 

Matze: Ich glaube, dass es gar nicht so eine Label-Entscheidung war, uns unter Vertrag zu nehmen, sondern dass es dort ein, zwei Leute gibt, denen das sehr gut gefallen hat. Das war sicherlich nicht einfach für diese Leute, uns da unterzubringen. 

Wart ihr selbst überrascht oder habt ihr diese Resonanz erwartet?

Matze: Ich weiss es nicht wirklich. Ich war mir eigentlich mmer sicher, dass wir irgendwann einen Plattenvertrag bekommen werden mit dem was wir machen. Das hatten wir uns schon gedacht. Aber, dass uns mal ein Major haben will, war bestimt nicht der Gedanke. Wir haben es einfach überall hingeschickt. Ob jetzt alles viel zu schnell gegangen ist, kann ich nicht sagen, weil eben alles so schnell gegangen ist. Ich stelle gerade fest, dass viele Zeitungen über uns schreiben. Die ersten drei Sachen habe ich mir vielleicht durchgelesen.

Es haben ja auch noch andere Ihr Interesse an Euch gezeigt. Unter denen waren auch Fred Durst und Rick Rubin (Produzent der Red Hot Chilli Peppers). Wie haben die von euch Wind bekommen?

Matze: Als unser Demo fertig war, haben wir es in Deutschland zu ein paar Firmen geschickt, hatten aber eigentlich die ganze Zeit diesen Gedanken, dass Deutschland es nicht wirklich verstehen kann, was wir machen, und dass es für uns auch nicht gut ist, in Deutschland Musik zu machen. Vor allem Plattenfirmen verstehen es in Deutschland nicht. Weil wenn sie diese Art von Musik verstehen würden, dann würden hier nicht so viele Scheiss-Bands rumlaufen. Es gibt gute Bands in Deutschland, aber keine deutsche Plattenfirma will sie signen. Also dachten wir: Wir müssen ins Ausland! Deswegen haben wir unsere Sachen auch nach Amerika und Schweden geschickt. Es war natürlich sehr cool, dass die sich gemeldet haben. Ich glaube Plattenfirmen stacheln sich dann irgendwann gegenseitig hoch. Es hat wenig mit dem zu tun, was wir hier machen. Irgendeine Plattenfirma findet das gut und wenn dann noch Fred Durst was damit zu tun hat oder überhaupt Amerika, dann dreht Deutschland schonmal direkt am Rad und
rafft endlich, dass es irgendwas verpasst. Es geht bei all diesem Scheiss sowieso fast nie um Musik. Da kann man nur ganz wenige Leute antreffen, die sich wirklich für die Musik interessieren. Und bei Eastwest haben wir eben zwei Leute kennengelernt, denen es um die Musik geht und um gar nichts anderes. Und wenn eine Band so hochgejubelt wird, wie das bei uns der Fall ist, dann muss man den Leuten auch sagen, dass sie zweimal hingucken sollen, ob das überhaupt stimmen kann, was da gerade gesagt wird. 

Und was hat euch nicht gepasst? Was hatten die Amis denn mit euch vor?

Matze: Die wollten wieder eine Band fürs Radio. Aus jeder Rock-Band wollen sie ihre ganz persönliche kleine Lieblingsband machen. Irgendwann war das für uns klar. Deswegen haben wir dann auch abgelehnt.

Aber ihr wollt doch auch ins Radio, oder nicht?

Matze: Ich würde ins Radio wollen, aber unsere Musik nicht dafür ändern. 
Bowy: Wir haben es ja auch nicht direkt an Fred Durst geschickt, sondern an Geffen Records und da hat er es wohl irgendwie zwischen die Finger bekommen. Wir waren aber mit den Leuten auf einer komplett anderen Wellenlänge. Man muss ja auch irgendwo zusammen klar kommen, sonst funktioniert es nicht.

Also erscheint die CD nicht in den USA?

Bowy: Nein.

Warum denn nicht?

Matze: Es wird auf jeden Fall eine Platte von uns in Amerika rauskommen, aber wahrscheinlich nicht „The Royal Gene“. Denn so wie die Platte produziert ist, würde sie so dort noch nicht funktionieren. Wir wollen das ganze aber nicht edler oder softer machen. Es muss einfach noch mehr Druck drin sein. Ich bin noch nicht ganz zufrieden. Es ist noch nicht fertig für mich. Und ich würde es selbst auch noch nicht wollen, dass die da jetzt rauskommt. Ich will da erst die nächste rausbringen.

Hat Eure Plattenfirma, nachdem die Aufnahmen abgeschlossen waren, noch irgendetwas an dem Album ändern wollen?

Matze: Es gab einzelne Songs, wo sie noch was verändern wollten, aber das haben wir nicht getan. Wir achten darauf, dass man uns nicht herumschiebt. Das ist ganz wichtig. 

Ihr werdet ständig mit Nirvana verglichen. Nervt euch das langsam?

Matze: Es nervt wie Sau, aber anscheinend ist da was dran. Ich hab Nirvana früher natürlich gehört. Und jeder, der das nicht gehört hat, hat meiner Meinung nach die wahrscheinlich größte Band, die es überhaupt jemals auf dieser Welt gab, nicht verstanden oder verpasst. Aber es geht uns nicht darum, diese Band zu kopieren. Wir sind mit dieser Band aufgewachsen, deswegen geht es einfach in die Richtung. Ich habe auch gar keine Lust, etwas ganz neues oder anderes zu machen. Aber ich finde halt nicht, dass unsere Songs in irgendeiner Weise Nirvana-Kopien sind. Die Ähnlichkeit ist wahrscheinlich eher, dass wir in unseren Songs eine Strophe haben und dann irgendwann einen Refrain, dann noch eine Strophe, dann ein Solo und dann noch ein Refrain und dann das Ende. Das ist für mich der größte Zusammenhang, den man ziehen kann. Aber es muss schon was dran sein, wenn es alle Leute sagen. 

Im CD-Heft sind keine Texte abgedruckt. Deswegen müsst Ihr jetzt was zu den Texten erzählen.

Matze: Müssen wir nicht. 

Aber mal ganz kurz beschreiben worum es geht. Gibt es vielleicht einen roten Faden oder eine bestimmte Thematik?

Matze: Es geht darum, dass wir 23 Jahre alt sind und in einer Welt voll Scheisse leben. Davon handelt jeder Text auf irgendeine Weise. 

Würdet ihr bei der nächsten CD irgendetwas anders machen?

Matze: Wir wollen kein Konzept-Album machen, aber ich will ins Studio gehen und ein Album aufnehmen und nicht eine Anhäufung von Songs, so wie das jetzt passiert ist.

Im Booklet sind nicht eure echten Namen abgedruckt. Warum habt ihr euch Pseudonyme zugelegt?

Matze: Ich glaube, dass es niemanden wirklich angeht wie wir wirklich heissen und es ist mir auch egal, was die Leute davon halten. 

Aber jeder, der euch von den Vorgänger-Bands kennt, kann sich das ja zusammenreimen.

Matze: Klar kann es jeder herausfinden und wir wollen da auch gar nichts groß verheimlichen. Aber ich will den Leuten nicht auf die Nase binden, wie ich heisse, wo ich wohne, was meine Hobbys sind und wie oft ich mir die Zähne putze. Geht halt niemanden was an. Ausserdem geben wir uns selbst immer irgendwelche anderen Namen. Die standen quasi schon vor der CD. Aber wir verwenden noch viele andere. 

Was hatte Eure Vorgänger-Band Jonas nicht, was ihr jetzt habt?

Matze: Wir sind älter geworden. Wir waren sehr jung, als wir mit dieser Band einen Plattenvertrag bekommen haben.

War es auch zu früh?

Matze: Ich glaube nicht. Aber wir waren auf dem Weg, der uns dahin gebracht, wo wir jetzt sind. Deswegen würde ich nie, das, was ich dort gemacht habe, verleugnen wollen. Es war eine wichtige Sache. 
Bowy: Ich war ja nicht bei Jonas und ich kann sagen, dass es nichts mit besser oder schlechter zu tun hat. Es ist einfach anders. In allen Bereichen. Was wir machen, hat nichts mit Jonas zu tun. Wenn die Leute nicht wüssten, dass Matze und Jon da vorher gespielt haben, dann würde man da auch nicht so leicht drauf kommen. So denke ich jedenfalls. 

Stichwort Video: Habt Ihr schon einen Clip gedreht?

Matze: Ich denke, dass wir irgendwann ein Video drehen werden. Es wird „Fools For The Nation“ sein. Es ist ein komisches Gefühl. Ich weiss nicht, ob ich wirklich ein Video machen will. Es kann ja nur bei MTV und Viva laufen und das ist ja eine Lügen-Welt, voll von Scheisse. Andererseits will ich aber auch den jungen Leuten zeigen, dass wir da sind. Aber ehrlich gesagt weiss ich nicht, wer unser Video spielen sollte. 

Es könnte euch ja dann auch wie den Donots ergehen, dass dann plötzlich kreischende Teenies auf euren Konzerten auftauchen. Mit der Kritik müsstet ihr dann leben.

Matze: Ich glaube, dass die Donots eine menge Sachen eingegangen sind. Sie machen schon lange Musik und es ist immer noch die selbe wie früher. So gesehen haben sie sich nicht verbogen. Aber irgendwann war wohl der Antrieb da: Jetzt muss es groß werden. Und meiner Meinung nach sind sie dabei Kompromisse eingegangen. Deswegen haben die diesen Teenie-Status. Das würden wir auf gar keinen Fall tun.

Wollt Ihr noch irgendetwas loswerden?

Matze: Rettet die Wale! 

Vielen Dank für das Interview!

Emrah Kilic - Mainstage.de


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