THE KIDS ARE ALLRIGHT
Stell dir vor, Fred Durst ruft an, sagt dir, dass er dein Demo liebt und fliegt dich und deine Band für ein exklusives Showcase nach L.A. ein, genauer: in den Viper-Room am Sunset Boulevard. Fred & Co. sind anwesend, nicken anerkennend und unterbreiten dir anschließend das Angebot, dich in den USA niederzulassen, einen gut - nein, sehr gut - dotierten Vertrag zu unterschreiben und demnächst mit der Limp Bizkit-Posse auf Tour zu gehen. Wie würdest du entscheiden?
 
Die Antwort der deutschen Grunge/Noise-Hoffnung Union Youth nach absolviertem Showcase lautete... nein! Bad Bentheim statt Hollywood, Golf statt Cadillac. Aber eben auch künstlerische Kontrolle statt Fremdbestimmung - siehe Puddle Of Mudd. Es gibt wohl nicht viele Bands, die den Mut hätten, so ein Angebot abzulehnen. „Es war einfach ziemlich schnell klar, dass die Amis uns eine NewMetal- Produktion verpasst hätten, während uns hier niemand in unsere Musik reinredet“, erklärt Sänger Maze Budget das auf den ersten Blick etwas seltsam anmutende Vorgehen seiner Band.
Nachdem Durst und darüber hinaus sogar Rick Rubin Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt hatten, entschieden sich Union Youth für 'Eastwest' als Plattenfirma und Kurt Ebelshäuser von Blackmail als Produzent.
Das so entstandene Debüt 'The Royal Gene' macht eines ziemlich schnell klar: Spiel, Satz und Sieg für Union Youth. Eine derart räudige Arschtritt-Produktion hätte in der 'Flawless'-Chefetage wohl zu einem von Fred Dursts legendären Wutausbrüchen geführt. Das Album orientiert sich zwar deutlich an einer bestimmten Band aus Seattle, tut dies im Gegensatz zu vielen anderen Neo-Grunge Acts aber sehr respektvoll und vor allem ohne ärgerliche Mainstream-Anbiederei. 'The Royal Gene' rückt keinen Millimeter von der Underground-Philosophie der Vorbilder ab, ohne zum reinen Plagiat zu verkommen. „Wir haben früher alle viel Grunge gehört. Wenn man dann selber Musik macht, kann man nicht auf einmal etwas ganz anderes spielen. Keiner will klingen wie diese bestimmte Band, aber eben auch nicht ganz anders. Wir machen einfach das, was uns Spaß macht. Wenn dann jemand der Meinung ist, das klänge wie dieses oder jenes, können wir es auch nicht ändern“, erklärt Maze. Gemeinsam mit Nosse K (Bass), Jon Orion (Gitarre) und Drummer Bowy hat er sich - nach durchzechter Nacht - zum netten Nachmittags-Plausch in unserer hefteigenen Homebase eingefunden und redet lieber über die Touren mit Mclusky, Ken und Blackmail, in deren Nähe sich die vereinte Jugend um einiges wohler fühlt als in der von Bands wie Die Happy oder den Guano Apes: „Das sind so karrieregeile Monster. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was in solchen Köpfen vorgeht. Wenn da ein Angebot ist, von dem sie vorher nie geträumt hätten, sind die meisten Bands bereit, dafür alles zu tun. Das ist das Dämlichste, was man machen kann. Dann ist man zwar auf jedem Titelblatt und wird im Fernsehen gespielt, macht aber beschissene Musik.“ Überhaupt ist es die seiner Vorstellung von Musik völlig zuwider laufende Haltung vieler Bands, über die sich Maze ereifert: „Was wir wollen, ist auf Tour sein, in kleinen dreckigen Läden spielen und nicht in teuren Restaurants essen gehen. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass man das lebt, was man macht, und auch bereit ist, andere Sachen sausen zu lassen, um sich wirklich nur um die Musik kümmern zu können. Einmal in der Woche proben und sich dann am Wochenende 'ne kaputte Hose anziehen - das kann's nicht sein.“
Es ist die alte Geschichte: Wir gegen den Rest der Welt. Ein Leben für die Musik ohne Zugeständnisse zu machen um irgendwann einmal von ihr leben zu können. Union Youth scheren sich einen Dreck um Konventionen oder marktstrategische Überlegungen.
Aber Kinder - wovon wollt ihr denn dann leben? „Wir leben eigentlich ohne Geld“, lächt Bowy. „Auf Promo-Tour kriegt man Essen, bei Konzerten kriegt man Essen - und wir sind zum Glück viel unterwegs.“ Sagt's und nimmt sich ein Plätzchen.

Torsten Groß

 


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